Neues aus meiner Unterkunft – Du tust nichts, trotzdem bist du mittendrin

Wie ich bereits in meinen vorherigen Beiträgen immer mal wieder erwähne, dass ich seit Dezember 2021 in einer Unterkunft für Obdachlose in Stuttgart wohne und in dieser Zeit so einiges erlebt habe, möchte ich in diesem Beitrag doch mal von dem neuesten Geschehnis berichten.

Natürlich entpersonalisiert. Das heißt, ich werde keine Namen nennen. Es geht mir auch nicht darum Personen bloß zu stellen. Sondern es geht mir darum, einmal zu schildern, wie sehr das Umfeld, indem wir uns befinden, Einfluss auf das eigene Leben hat.

Selfie – Ich esse eine Banane vor dem Eingang der Polizeiwache, während ich darauf warte hereingelassen zu werden

Zur Story

Letzten Freitag Abend lag ich gemütlich in meinem Bett und war schon fast bereit mich schlafen zu legen.

Da entschied ich spontan doch noch zu meinem Freund zu gehen, der später zuhause war.

Gegen 22:00 Uhr ging ich in unsere Gemeinschaftsküche und sah, dass Frau Nachbarin mit drei fremden Männern eine kleine Party machte.

Alle waren sie betrunken.

Bei uns gilt, so mein Wissensstand, Besuchsverbot. Vor allem abends. Bei den vielen Leuten aus verschiedenen Nationen, die in unserem Haus wohnen, ist so ein Besuchsverbot absolut gerechtfertigt, um ungebetene Gäste fernzuhalten.

Frau Nachbarin entfernte sich von den drei Herren und kam zu mir. Ich sagte ihr, dass die Leute hier nichts zu suchen haben und gehen müssen.

Ich ging zurück in mein Zimmer, zog mich um, war im Begriff zu gehen, als ich dann laute Geräusche aus der Küche hörte.

Das klang nicht gut.

Zu diesem Zeitpunkt hätte ich das einfach ignorieren können und mich, wie geplant, auf dem Weg zu meinem Freund machen können.

Aber wenn ich mit Leuten zusammen wohne und ich bekomme mit, dass da etwas nicht stimmt, haue ich nicht einfach ab.

Oder bin ich die einzige, die das nicht macht?

Jedenfalls bin ich direkt in die Küche gegangen, deren Tür geschlossen war und sah Frau Nachbarin auf dem Boden sitzend, nur mit einem kurzen Nachthemd bekleidet. Hinter ihr war die Mülltonne umgefallen und einer der drei Herren stand bei ihr mit einer halb vollen Hugo-Flasche.

In seinem betrunkenen Zustand faselte er irgendwas von „ihr auf helfen“ aber es war für einen nüchternen Menschen glas klar, dass der wohl eher nicht helfen wird.

Ich legte eine strengere Gangart ein und bat alle nun sofort zu gehen.

Die Leitungen schienen bei den Herren lang zu sein, wohl auch weil sie betrunken waren.

Ich stellte mich zwischen Frau Nachbarin und dem Betrunkenen und wiederholte meine Forderung, dass sie jetzt sofort gehen.

Dann schnappte ich mir den mit der Hugo-Flasche und schob ihn gemächlich Richtung Ausgang.

Im Flur kam dann Herr Nachbar dazu und ich wusste, dass es jetzt nun nicht mehr so entspannt bleiben wird.

Noch nicht einmal fertig gedacht, da fing die Schlägerei an.

Mit einem großen Sprung schaffte ich mich aus der Gefahrenzone, rannte in mein Zimmer und rufte 110 an.

Alles passierte in Sekunden. War die Situation vor ein paar Sekunden noch relativ entspannt, ging jetzt die Post ab.

Vier Männer hatten sich zu einem Schlägerei-Knäuel gebildet.

Ich war nur Sekunden lang in meinem Zimmer und kam mit dem Handy am Ohr wieder heraus.

Der Beamte am anderen Ende klang wie eine Schlafmütze.

Ich sagte meinen Namen, die Anschrift und dass schnell jemand kommen muss, weil hier gerade eine Schlägerei passierte.

Der Mann am anderen Ende wollte dann noch wissen was das für ein Gebäude wäre und stellte noch irgend eine Frage, bei der ich mich nur fragte, ob der noch alle Tassen im Schrank hat.

Die Schlägerei hatte sich in Sekunden-Schnelle nach draußen verlagert.

Und ich ging ebenfalls raus.

Da sah ich dann viele Polizisten vor unserer Haustüre mit Herrn Nachbar zusammen stehen.

Das war eine willkommene Erleichterung.

Polizisten kamen auf mich zu und fragten, ob ich etwas gesehen hätte. Ich gab meine Kontaktdaten.

Herr Nachbar stand noch unter Adrenalin, aber er war außer Gefahr.

Ich war beruhigt und konnte dann, nach ca. einer halben Stunde, zu meinem Freund aufbrechen.

Am nächsten Arbeitstag erhielt ich ein Telefonat von einer Polizistin. Sie bat mich demnächst, für eine Zeugenaussage, vorbei zu kommen.

… das erzähle ich dann im nächsten Blog.

Bis dann!

Selfie – Ich stehe vor der Polizei-Station

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