Ich traf eine Obdachlose in Stuttgart-Bad Cannstatt

Es ist 8:30 Uhr als ich mich auf den Weg nach Hause machte und in der Unterführung Bad Cannstatt eine Frau mit einem Koffer an der Mauer hockend sah.

Wie abgefuckt wäre ich, wenn ich einfach an ihr vorbei gegangen wäre ohne ihr Aufmerksamkeit zu schenken?

Meine Güte, es könnte mich auch treffen! Es könnte jeden von uns einmal treffen. Obdachlosigkeit in der heutigen Zeit ist wohl keine Seltenheit.

Elfenbeintürmler haben diese Möglichkeit nie im Sinn. Sie meinen es würde alles so weitergehen, wie immer.

Auch ich hatte mal diese Einstellung. Das Leben lehrte mich, dass das nur Illusion ist. Jeder von uns sollte so viel Zeit aufbringen können, um sich hilfesuchende Personen annehmen zu können.

Wer so beschäftigt ist, dass er / sie an einer Obdchlosen oder an einem Obdachlosen vorbei läuft, der sollte dringend über sein Einstellung nachdenken.

Eine Demokratie ist nicht aus Ignoranz entstanden. Im Gegenteil. Ignoranz ist der Demokratie-Killer.

Ich ging also zur Frau und nach kurzer Zeit waren wir uns einig, eine Bäckerei aufzusuchen. Ich fand das cool, denn ich hatte schon seit Tagen Gelüste auf ein Schwarzwälder Kirschtortenstück.

J, so nenne ich sie hier, wollte dann doch nichts, obwohl ich sie eingeladen habe.

Sie erzählte mir, dass sie erwachsene Kinder hätte und dass sie aus Ulm kommt. Ansonsten war sie nicht die Gesprächigste.

Ich nehme sie als verzweifelt und misstrauisch wahr.

So nahm ich mir vor, dass ich ihr helfen werde. Es muss doch möglich sein, dass sie die nächste Nacht nicht auf der Straße übernachten muss?!

So schlug ich ihr vor zu Frauen helfen Frauen zu gehen. Das ist eine Hilfsorganisation für Frauen, weiss ich nur. Also machten wir uns auf nach Stuttgart-Süd.

Ich klingelte und man machte uns auf. Wir wurden freundlich empfangen und die nette Frau L. hat erst mal gefragt worum es geht.

Wir besprachen soweit alles und J erzählte, dass das Jobcenter wohl die Leistungen eingestellt hätte und ihr das Türschloss ausgewechselt wurde.

Dann erzählte sie, dass ihre Unterkunft Video-überwacht wird. Das finde ich generell bei öffentlichen Einrichtungen richtig. Aber was mich verwunderte war, als J erzählte, dass man mit einem Schlüssel in jedes Zimmer kommt. Also, wenn das stimmt, dann wäre das eher ungut.

Frau L. kam wieder ins Zimmer um J mitzuteilen, dass sie wieder zurück nach Ulm muss, weil das Jobcenter sie dort führt und somit hätte man in Stuttgart keine Möglichkeit etwas für sie zu tun.

Okay, wir riefen die Bahnhofsmission in Ulm an, um wenigstens schon einmal den Kontakt herzustellen. Ich wollte J nicht einfach so gehen lassen ohne, dass sie eine Anlaufstelle in Ulm hat.

Wir bekamen heraus, dass die Bahnhofsmission keine Notübernachtungsmöglichkeiten anbietet. Aber, so sagte Frau L., könnte J von dort aus die anderen Häuser kontaktieren.

Das ist ein Plan mit dem J leben konnte und ich auch. Wenn sie so oder so nach Ulm zurück muss, dann ist das die beste Möglichkeit.

J ist eine kleine Frau, 45 Jahre alt und hat Verkäuferin gelernt. Sie erzählte mir, dass sie von Arbeitskollegen gemobbt wurde. Sie kam mir nicht vor wie jemand, die sich großartig wehrt, sondern sich eher in ihrem Schicksal ergibt.

Frauen helfen Frauen in Stuttgart – Tolle Erfahrung gemacht!

So war sie auch bereit wieder auf der Straße zu übernachten. Frau L. und ich haben ihr gesagt, dass sie das nicht einfach so hinnehmen kann und um Hilfe bitten muss.

Nach vier Stunden mit J saß sie im Zug nach Ulm und ich war auf dem Weg Richtung Nachhause.

Na klar habe ich nicht alles überprüfen können, ob J die Wahrheit gesagt hat. Aber hey, egal, ob alles stimmt oder nicht, die Frau hat eine unterstützende Hand gebraucht.

Es war eine Freude mit anzusehen, wie J den Aufenthalt bei der Frauenorganisation positiv wahrnahm. Sie sagte auch, dass sie mit so viel Unterstützung garnicht gerechnet hat.

Ich wünschte ich hätte ihr mehr helfen können. Aber wenigstens hat sie Informationen und Hilfsangebote bekommen und braucht nicht mehr auf der Straße übernachten.

Ich denke dieses Beispiel zeigt, dass alle Verwaltung nichts bringt, wenn man nicht mit den Personen redet. Situationen versteht und lösungsorientiert an die Dinge geht.

J kann arbeiten. Sie ist gesund und munter und hat etwas gelernt. Also warum hat sie keinen Job und warum hat sie keine Wohnung ?

Ich mit J bei Frauen helfen Frauen – An die Hand nehmen und mal reden kann so viel bringen :*

Liebe J,

Ich wünsche ihr alles, alles Gute!

Liebe und solidarische Grüße

Bianca

PS: jeder und jede kann was tun.

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